Beim Rechtschreibenlernen speichern Kinder Wortbilder ab und noch heute meinen viele Kollegen und Kolleginnen, dass Kinder Wörter nach häufigem Üben dauerhaft richtig schreiben können. Das gilt leider nur für diejenigen Kinder, die optische Lerner sind. Und so erleben Grundschullehrkräfte immer wieder, dass Kinder nach vielfachem Üben für ein Diktat (auch mit Mamas Hilfe), in eben diesem Diktat zwar schwierige Wörter richtig schreiben können, ein Transfer auf das freie Schreiben aber noch lange nicht gewährleistet ist. Im Gegenteil, schwache Rechtschreiber schreiben genau diese geübten Wörter in den nächsten eigenen Texten wieder falsch und zwar jedes Mal „anders falsch“.
Wenn ein solcher methodischer Ansatz auf ein Konzept des Lesens durch Schreiben folgt, stoßen unterschiedliche Welten aufeinander. Erst wird ein ganzes erstes Schuljahr lang das aktive Hören trainiert, es wird ein phonetisches Bewusstsein angebahnt und die Kinder entwickeln ihre erste Rechtschreibstrategie, nämlich das Hören. Und dann fällt diese Strategie im zweiten Schuljahr hinten weg und stattdessen werden Wortbilder gespeichert. Wörter werden geschlichen, geknickt, in Dosen eingetütet und feste zu Hause geübt um sie dann im Diktat möglichst fehlerfrei wieder aufzuschreiben.
Heute weiß man, dass Kinder beim Rechtschreiblernen unterschiedliche Strategien entwickeln. Unter der Vermittlung von Rechtschreibstrategien verstehe ich daher, die Kinder zu Überlegungen bzw. inneren Denkhandlungen zu befähigen, denen sie beim Schreiben folgen.
Ich bin deshalb in diesem Durchgang von Anfang an neue Wege gegangen. Ich habe von der ersten Schulwoche des zweiten Schuljahres an lautgetreue wöchentliche Diktate geschrieben. Es begann mit einzelnen Wörtern, die ich auch als Freiarbeitsmaterial an die Hand gab.
Lautierkarten für die Klassen 1 und 2
Schreibkarten zum lautgetreuen Eigen- und Partnerdiktat
Ich habe von Anfang an in der Quantität differenziert und einige Kinder Kurzdiktate schreiben lassen. Diese Kinder hatten dann mehr Zeit für die Selbstkontrolle. Jedes Wort mit dem Daumen buchstabenweise erlesen und die Nomen blau unterstreichen. Nach einigen Wochen diktierte ich lautgetreue Wortgruppen ” eine schöner Baum, eine rote Tomate,…” In den folgenden Monaten habe ich die Auslautverhärtung eingeführt. Es begann mit der Unterscheidung von d und t im Auslaut. ” Ein guter Hund, eine kleine Hand…” Wir lernten die Strategie des Verlängerns kennen. An Material erarbeiteten die Kinder die Rechtschreibscheiben zum d und t.
Steffis Rechtschreibscheiben
Jetzt markierten die Kinder ihre Wörter mit grün, wenn es “Denkwörter” waren, also Wörter, die sich anders schreiben als man sie hört. Hier reicht nicht das gute und genaue Hören, hier muss nachgedacht werden.
Später kamen die Scheiben zum b und p, g und k und gegen Ende des ersten Halbjahres die Scheiben zum g und ch dazu. Allen Schwierigkeiten konnten die Kinder mit dem Steigern und der Mehrzahlbildung begegnen. Es waren immer dieselben Strategien, die wir geübt haben. Wöchentlich wurde es einfacher, die Diktate zu erstellen, da immer mehr Wörter möglich waren. Kleine Wörter, die häufig geschrieben werden (die, sie, und) haben wir Stück für Stück mit einbezogen. Wir haben viele mündliche Spiele gespielt und die Auslautverhärtung täglich geübt. Gerne beschreibe ich in einem anderen Beitrag die Spiele, Kommentar bei Interesse genügt ;O).
Anfang des zweiten Halbjahres erarbeiteten wir die Konsonantendopplung nach kurzbetonten Stammvokal. Auch hierfür setzen wir die Scheiben ein. Das dauerte und war eine schwierige Angelegenheit. Unsere Diktate waren nun auf einen Umfang von etwa 50 Wörtern angewachsen und enthielten Wörter mit Auslautverhärtung und immer mehr Doppelkonsonanten. Am Ende des Schuljahres erarbeiteten wir das “ck” und das “tz”. Das ging sehr einfach, denn im Prinzip ist das nichts anderes als eine Konsonantendopplung. Es kam noch die Regel “nach l,n,r, das merke ja, schreibe nie tz und nie ck” dazu. Das haben meine Kinder locker gelernt. Die letzten drei Diktate hatten ca. 60 Wörter. Jetzt ist es auch gar kein Thema mehr, Diktattexte zu entwerfen. Und ich muss es hier einfach loswerden, weil ich so stolz auf meine Kinder bin. Hier ist unser letzter Diktattext:
Das Gewitter
Es ist ein schöner Tag.
Es ist sonnig und warm.
Der Himmel ist blau.
Plötzlich kommen dunkle Wolken auf.
Ein starker Wind raschelt in den Blättern der Bäume.
Kurztext für drei meiner Kinder mit 30 Wörtern.
Der Wind ist jetzt ein Sturm.
Der Himmel ist schwarz.
Die Luft ist kalt.
Katzen bringen sich in Sicherheit.
Jetzt zuckt der erste Blitz am Himmel.
Ein erster Donner kracht laut.
Langtext mit 61 Wörtern für alle anderen.
Wir gehen im Anschluss an das Diktat jedes Wort durch und die Kinder deklarieren es als ein “Hör”- oder “Denkwort”. Hier sind die Denkwörter fett gedruck. Bei der Bewertung halte ich es wie in einer Mathearbeit. Jedes richtig geschriebene Wort ergibt einen Punkt. Werden bis 98% aller Wörter richtig geschrieben, ist das Diktat eine Eins, bis 89% eine Zwei, bis 70% eine Drei, bis 50% eine Vier und ab 30% eine Fünf.
Und jetzt will und muss und darf ich mal strunzen :O))))
Meine Delfine hatten in diesem Diktat einen Notendurchschnitt von 1,9!!!
Wir haben das gefeiert mit einem Hausaufgabenfrei. :O)
Das zeigt mir, dass dieser Weg ein Guter ist. Zum Hören und Denken haben wir natürlich auch das optische Lernen durch das Verinnerlichen von Wortbildern geübt. Dazu haben wir die Abschreibetechnik erlernt und mit der Abschreibekartei richtig verinnerlicht. Damit werden auch die Kinder erreicht, die über ein besonders gutes optisches Gedächtnis verfügen.
Arbeitstechnik Abschreiben
Im kommenden Schuljahr werde ich Erikas Werkstätten zum langen “ie” und “i” einsetzen.
Rechtschreibtraining zum langen ie
Rechtschreibtraining zum langen i
Und danach kommt die Werkstatt zum Dehnungs-h. Die liegt zur Zeit aber noch bei Ulla im Lektorat.
Und so verbleibe ich, glücklich und sehr stolz und kurz vor den Ferien
Eure Steffi