Erst vor kurzem haben wir uns ausgiebig der Frage der “Lern- und Kompetenztypen” gewidmet. Insbesondere unter dem Aspekt, ob und wie ein differenzierender und individualisierender Unterricht in der Praxis auf solche Lern- und Kompetenztypen eingehen sollte. Wir haben Modelle vorgestellt, mit dem man relativ einfach, sowohl Lerntypen als auch Kompetenztypen “erkennen” kann. Und nun das! Vor kurzem erschien ein Artikel an der ETH Zürich, der sich ausgiebiger mit den internationalen Erkenntnissen der Lernforschung zu den Thema Lerntypen, Lernstilen und Denkstile sowie der Lerneffektivität durch “Verzahnung” von Lerntyp und Material (komischerweise nicht Didaktik) auseinandersetzte. Allein die parallele Nutzung der Begriffe Lerntyp, Lernstil und Denkstil (und dann noch Kompetenztyp) belegt demnach die wissenschaftliche “Unreife” dieser Wissensdomäne. Mehr noch, die zahlreichen Messmethoden und die daraus abgeleiteten Analysen, wären nach den Autoren, Zeuge eines grundlegenden Problems (der wissenschaftlichen Unschärfe?). Auf den Punkt gebracht – nirgendwo auf der Welt gibt es valide wissenschaftliche Erkenntnisse für die “Verzahnungs- Hypothese”. Demnach lernen Kinder nicht besser, wenn Sie mit spezifischen – auf ihren Lerntyp abgestimmten Material versorgt werden.

So weit so gut! Für die Wissenschaft zählt nun mal nur das, was man messen kann und eine Herausforderung besteht darin, erst einmal das richtige Messinstrumentarium, für den jeweiligen Messzweck zu entwickeln und dann noch richtig einzusetzen. Fakt ist, dass “Lernen” sicherlich nicht nur auf einer Kompetenzbahn erfolgen kann, sondern immer eine Gefügeleistung aus unterschiedlichen Impulsen darstellt. Es geht vielleicht gar nicht primär um die Verzahnung von Lerntyp und Material. Vielleicht erleichtert die Berücksichtigung von Lerntyp und Material den Einstieg, generiert eine positive Lernhaltung und bedingt somit die Bereitschaft sich mit anderen Material und anderen Zugangswegen (Entdeckerfreude) zu beschäftigen. Lernen lernen auf monokausale Zusammenhänge zwischen einem Lerntyp und einem spezifischen Lernmaterial zu reduzieren, greift meiner Meinung nach zu kurz. Insofern sind die Ergebnisse aus der internationalen Lernforschung, die gerade den Beweis eines monokausalen Zusammenhangs versuchen, wichtig für die Wissenschaft aber relativ vernachlässigbar für die Praxis. Aber danke, dass nahezu bewisen ist, was man in der Praxis seit langer Zeit “gefühlt wusste”.

Da es nun mal auch noch die Dinge gibt, die wissenschaftlich nicht gemessen werden können oder vielleicht nicht im Messkonzept betrachtet werden, sich später (nach der Messung) ergeben und trotzdem einen positiven Effekt auf Faktoren, wie Lernhaltung, Arbeitsmoral, Motivation, Engagement und Beherrschbarkeit haben – bleiben wir dabei, dass Unterricht zumindest in Grundschulen Lern- und Kompetenztypen stärker berücksichtigen muss. Wir haben mit Hilfe der “Zwicky-Box” versucht, den Unterrichtsprozess bis hin zu Besetzung der Gruppentische nach solchen Lern- und Kompetenztypen auszurichten. Dabei ging es prinzipiell sowohl um die Frage der “Differenzierung” von Material für die einzelnen Tische “Tiger, Löwen, Elefanten, Strauße oder Giraffen”. Aber mehr noch, um die Förderung der Lernhaltung – also der Bereitschaft sich motiviert und engagiert mit dem Lerninhalten zu beschäftigen, durch Erfolg die Freude am Lernen zu wecken und somit die Lernhaltung oder präziser die Lern- und Anstrengungsbereitschaft zu stimulieren und zu trainieren. Nach einem halben Jahr sind über 80% der Schüler ihren “Safari-Tischen” dauerhaft entwachsen und tummeln sich in der großen Gruppe der “Delfine” – einer Art, die sich durch Lernfreude, Zusammenhalt und einer großen Portion sozialen Empathievermögens auszeichnet.

Liebe Lernforscher in Europa und Übersee – vielleicht widmet ihr euch mal dem Aspekt der Förderung der Lernhaltung durch Berücksichtigung von Lern- und Kompetenztypen. Eure Ergebnisse würden mich sehr interessieren.

Hier noch der link zum Bericht der ETH Zürich

 

 

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