Teil 2: Basisanforderungen an das Unterrichtsmaterial “Lernlandschaft”

 

Vorab noch einmal: Unser Prozess, didaktisch und methodisch durchdachtes und praxisnahes Unterrichtsmaterial zu entwickeln und zu erproben, ist noch nicht abgeschlossen. Es handelt sich um einen offenen Prozess, der weiterhin läuft und permanent optimiert bzw. an die realen Anforderungen des Unterrichts angepasst wird. Grundlegende Schritte hierzu wurden mit den Versuchen der Anwendung der Methode der “Zwicky Box”, des “fundamentalen Attributierungsfehlers” etc. unternommen. Diese Schritte sind maßgeblich dafür verantwortlich, im Verlauf des ersten Schuljahres die für das Arbeiten in Lernlandschaften grundlegenden Fähigkeiten und Fertigkeiten des einzelnen Schülers und des Klassenverbandes als Lerngruppe anzubahnen. Der Umgang mit der Selbst- und Partnerkontrolle, das Arbeiten in Förderbändern, die Zusammensetzung der Gruppentische nach Lerntypen, die Fokussierung auf die Lern- und Arbeitshaltung: All dies bildet die Grundlage, dass Unterricht in Lernlandschaften möglichst friktionsfrei erfolgen kann.

Im Folgenden nun einige Grundüberlegungen:

Um dem Anspruch der Differenzierung zu genügen, haben wir den PDCA-Zyklus als Referenzmodell herangezogen. PDCA meint “Plan-Do-Check-Act” und ist einer der wesentlichen Bausteine von kontinuierlichen Verbesserungsprozessen in modernen Management-Modellen. Das Denken und Handeln im PDCA-Modell basiert im Wesentlichen auf einer genauen Analyse der Ausgangssituation im Hinblick auf das zu erreichende Ziel.

Übertragen auf das Unterrichtsmaterial “Lernlandschaften” und die Anforderung “Differenzierung” steht “P” für den Eingangstest. Dabei entspricht der Eingangstest zu 100 % dem Abschlusstest, also dem Ziel der Lerneinheit bzw. dem, was die Kinder im Verlauf der Lerneinheit lernen sollten.

Die Ergebnisse aus dem Eingangstest sind die Basis für die Einordnung der Kinder in die jeweilige Einstiegsgruppe. Die Intention dabei ist, dass wir jene Kinder, die bereits viel können, nicht durch zu leichte Aufgaben permanent unterfordern wollen. Im Umkehrschluss natürlich auch jene Kinder, die bestimmte Fertigkeiten und Fähigkeiten noch nicht nachweisen konnten, nicht permanent überfordern wollen. Eine Einstiegsgruppe entspricht dabei immer wieder einem Teil der Lernlandschaft. Das kann je nach Gestaltung und Motto der Lernlandschaft ein Dorf, eine spezifischen Landschaft, eine Übung im Trainingscamp bei den Außerirdischen oder auch eine Wasserwelt oder Blumenwiese sein. Allen Lernlandschaften ist gleich, dass die gesamte Lerneinheit in einzelne Lernmodule untergliedert ist und in jedem Modul lernt und trainiert das Kind eine besondere Fertigkeit und Fähigkeit.

Mit der Auswahl des spezifischen Landschafts- bzw. Lernmoduls und der Einordnung in eine Einstiegsgruppe sind wir schon mal der Anforderung an Differenzierung sehr nahe gekommen. Doch häufig – oder besser – in der Regel reicht die Einordnung in eine Einstiegsgruppe noch nicht aus. Beispielsweise können einige Kinder bereits die Addition über den Zehner, haben aber noch Probleme mit Platzhalteraufgaben. Sie sind zwar in der richtigen Einstiegsgruppe, aber mit manchen Aufgabentypen noch überfordert. So wurden sämtliche Lernmodule unseres Unterrichtsmaterials “Lernlandschaft” nochmals in individuelle Trainingseinheiten untergliedert. Das Unterrichtsmaterial in den Lernlandschaften ist nach 1- bis 3-Sternchen-Aufgaben unterteilt. Jedes Kind einer Einstiegsgruppe erhält nach dem Abschluss des Eingangstests einen individuellen Trainingsplan. Dieser Schritt entspricht im PDCA-Modell dem Punkt “D” – Do – es geht also in die Arbeit, ins Tun. Differenziert nach Lernerfordernis mithilfe der Einstiegsgruppe und individualisiert nach dem Anforderungsgrad (Sternchen).


 


Die Kinder bewegen sich innerhalb einer Trainingseinheit relativ frei durch das Material. Hierfür notwendig ist natürlich eine positive Lern- und Arbeitshaltung. Diese wird allerdings automatisch dadurch gestützt und gefördert, dass jedes Kind auf seinem individuellen Niveau gefördert und gefordert wird. In der Praxis heißt das: Die Kinder, und zwar alle Kinder, arbeiten wie der Teufel und freuen sich am Lernerfolg. Visuell unterstütz durch den Wanderpass/Trainingspass, der die Sammelleidenschaft der Kinder anspricht, wird jede abgeschlossene oder durchwanderte Lerneinheit im Wanderpass dokumentiert und sogar auf einer gesonderten Tabelle dokumentiert. Jede Lerneinheit besteht in der Regel aus drei bis fünf Teilaufgaben, wiederum unterteilt in zwei bis drei Anforderungsklassen. So ist es also möglich, das ein Kind in einer Einstiegsgruppe sich von den leichten hin zu den schwierigen Aufgaben durcharbeitet oder in unterschiedlichen Lerneinheiten nur spezifische Aufgaben einer Anforderungsstufe bewältigt. Die Entscheidung, was für das Kind gut und förderlich ist, entscheidet die Lehrkraft selbst und im Dialog mit dem Kind. Jede Lerneinheit wird mit einer Standortbestimmung – sprich einem kurzen Zwischentest – abgeschlossen, und zwar dann, wenn sich das Kind in der Lage fühlt, den Zwischentest erfolgreich zu bestehen. Die Zwischentests werden nicht im Klassenverband geschrieben, sondern individuell nach Bedarf. Aufgrund der Enge im Klassenraum sitzen die Kinder, die einen Zwischentest machen dürfen, bei meiner Frau unter der Tafel auf Kissen – auf dem heißen Stuhl. Im PDCA-Modell entspricht das dem Schritt “C” – Check. Hier wird geschaut, ob das einzelne Kind bereit ist, auf das nächst höhere Level oder zur nächsten Lerneinheit/Landschaft zu wechseln.

Ein weiteres Merkmal der Differenzierung des Unterrichtsmaterials innerhalb der Lernlandschaft bilden die Hausaufgaben. Auch diese sind nicht für jedes Kind dieselben, sondern für jede Lerneinheit gibt es spezifische Hausaufgaben.

Abgeschlossen wird die Lernlandschaft mit einem für alle Kinder gleichen Abschlusstest, der, wie bereits gesagt, dem Eingangstest zu 100 % entspricht. In unseren Fall ist es in der Regel der Test, der auch in den anderen Klassen geschrieben wird. Man möchte ja gerne (wer weiß warum) die Vergleichbarkeit und Transparenz gesichert wissen. Allerdings haben die Lehrer mit dem Unterrichtsmaterial der Lernlandschaft nunmehr den Vorteil, nicht nur die Note zu vermerken, sondern den weitaus wichtigeren Lernfortschritt messen zu können. Dies entspricht im unserem Modell dem Schritt “A” – Act – und bildet somit nicht nur das Ergebnis des gesamtem Lernprozesses ab, sondern ist gleichzeitig auch die Basis zur Feststellung des weiteren Forder- oder Förderbedarfs sowie eventuell vorhandener Lernhandicaps.

Nun kann man vermuten, dass die schnellen und klugen Kinder sehr früh durch die Lernlandschaft gewandert sind, die nur schnellen Kinder kaum etwas gelernt haben, die langsam und klugen Kinder wieder einmal hinterherhinken und bummeln und die nur langsamen Kinder nichts gelernt haben. Dem ist aber nicht so. Dadurch, dass die Kinder auf ihrem individuellen Niveau optimal gefordert und gefördert werden, das Material durch die integrierte Selbst- und Partnerkontrolle stetig positive Rückmeldungen liefert und somit die Lernfreude durch Lernerfolge bestärkt, die Sammelleidenschaft durch den Wanderpass für jedes Kind einzeln und auf der Gesamttabelle über alle Kinder dokumentiert und visualisiert wird, sind alle Kinder – wirklich alle Kinder – selbst Kevin, der bislang lieber im Vorhang hing und Tarzan spielte, freudvoll tätig. Mehr noch: Selbst schwächere Kinder blühen auf, wenn sie auf der Gesamtliste sehen, dass sie die meisten erledigten Trainingseinheiten aufweisen. Was kann ein positiveres Feedback für diese Kinder sein? Sie werden für ihren Fleiß und für ihren individuellen Erfolg belohnt.

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