Teil 1. Grundüberlegungen zum Unterrichtsmaterial “Lernlandschaft”

 

Der Fokus der Bildungsreformen im letzten Jahrzehnt lag und liegt weiterhin insbesondere auf den Kindern als Lerner. Die Rolle und Funktion von Lehrern wird mehr oder weniger ausgeblendet. Fakten werden geschaffen und Schule und Lehrer müssen sehen, wie sie mit den neuen Anforderungen klarkommen. Die neuen Anforderungen, egal ob Inklusion, jahrgangsübergreifender Unterricht, offene Eingangsstufe, Auflösung von Schulgrenzen, das Hohelied auf Differenzierung und Individualisierung und verschiedene landesspezifisch weitergehende Reformen führen dazu, dass die Homogenität von Lerngruppen weiter zurückgeht und somit die Anforderungen an die Lehrer, die Lernprozesse und die Unterrichtsorganisation eine immer höhere Variabilität erfordern. In einem anderen Blogbeitrag habe ich das einmal als “seriellen Unikatprozess” beschrieben, abgeleitet von der “seriellen Unikatfertigung”. Wie können Prozesse, hier Lernprozesse, so gestaltet werden, dass in Serie Unikate entstehen? Übertragen auf die Schule eben in Serie (Schule), differenziert (Unterricht), individuell (einzigartig), Kinder (Unikate) unterrichtet, gefordert und gefördert werden können?

In der industriellen Produktion haben wir solche Herausforderungen oftmals mit chaotischen Prozessen verglichen. Die Hauptanforderungen an den Menschen als Koordinator der Leistungserstellung liegt in seiner Fähigkeit, zu jeder Zeit im Chaos den Überblick zu behalten. In der industriellen Fertigung haben wir dies bspw. mit Barcodes geschafft. Die Barcodes auf den Einzelteilen enthalten sämtliche Informationen, die im abschließenden Prozess (Endfertigung) benötigt werden, um das individuelle Produkt (Unikat) zu fertigen. Solche Barcodes gibt es allerdings noch nicht für den Unterricht. Die aktuellen Lehrwerke enthalten nur rudimentäre Möglichkeiten zur Gestaltung eines differenzierenden und individualisierenden Unterrichts. Methoden zur Feststellung individuell benötigter Lerninhalte, des aktuellen Lernfortschritts sowie die Identifikation passfähiger Unterrichtsmaterialien (Womit lernt ein Kind besonders gut und motiviert?) sind weitgehend unerforscht.

Die Lehrer werden weiterhin gezwungen, mit ihrem Unterricht einen Teil der Kinder permanent zu über- und einen anderen Teil der Kinder zu unterfordern. Die Gefahr von Über- und Unterforderung nimmt dabei noch stetig zu, da die Lerngruppen zunehmend heterogener zusammengesetzt sind. Unterricht wird zum “Muddeling Through”, der Lehrer wurstelt sich so durch den Tag, vergleicht die Lernleistung der aktuellen Lerngruppe mit vorhergehenden, wird oftmals frustriert, demotiviert und ist als Lehrer nicht selten selbst permanent überfordert. Ähnliches gilt natürlich auch für die Lerner. Frustration steigt, Unruhe entsteht und nicht selten fallen Kinder durch die Maschen. Mitziehen ist die Devise, kein Kind darf sitzenbleiben und der Frust bei Lehrern und Schülern steigt. Die Gefahr dauerhafter Fehlforderung führt bekanntlich nicht selten zum Phänomen des Burn-out oder auch des Bore-out. Auf Deutsch: Die in den Reformen unzureichend berücksichtigte Rolle und Funktion von Lehrern, fehlende Methoden, veraltetes und für die Anforderungen an einen differenzierenden, individualisierenden und nunmehr auch inkludierenden Unterricht wurden nicht bzw. nur unzureichend geschaffen und zu leiden haben darunter sowohl die Lehrer als auch die Schüler. Die Hoffnung, dass irgendwann einmal alles von selbst gut wird, mag den Bildungspolitikern als Berufsoptimisten helfen. Kinder und Lehrer bleiben bei einer solchen Politik auf der Strecke.

Und dann hörten wir im August 2011 von den Lernlandschaften als neue Eier legende Wollmilchsau und haben uns mit dem Konzept auseinandergesetzt. Ui ui ui – was für ein Tiefschlag. Alles was wir dazu herausfanden – und wir haben nicht schlecht gesucht –, war alter Wein in neuen Schläuchen. Sloganeering in Reinkultur. Da der Begriff allerdings wirklich sehr schön ist, haben wir in den letzten sechs Monaten sehr intensiv an unseren Niekao – Lernlandschaften oder an dem Konzept “Lernen in der Landschaft” gearbeitet und sind nunmehr so weit, das Konzept hinter dem Begriff vorstellen zu können. Mehr noch: Wir arbeiten mit den Lernlandschaften und sind begeistert von der Mächtigkeit der Unterrichtsmethode. Also lasst euch überraschen und verfolgt die neue Reihe in unserem Blog “Lernlandschaften – innovatives Unterrichtsmaterial für den differenzierenden und individualisierenden Unterricht”.

Steffi und Udo Kiel

Ähnliche Artikel: