Grundüberlegungen zum Unterrichtsmaterial “Lernlandschaft Trainingscamp 100”

Inklusion, jahrgangsübergreifender Unterricht, offene Eingangsstufen und die Auflösung von Schulgrenzen führen dazu, dass die Homogenität von Lerngruppen immer weiter zurückgeht und somit die Anforderungen an Lehrer stetig steigen. Die Unterrichtsorganisation erfordert eine immer höhere Variabilität. Es braucht Lernmodelle und Methoden, die motivieren und zugleich transparent den Lernerfolg der Schüler messen. Nur so können die Anforderungen an einen differenzierenden, individualisierenden und nunmehr auch inkludierenden Unterricht nachgekommen werden, ohne dabei den Überblick zu verlieren.

Um dem Anspruch an echte Differenzierung und Transparenz zu genügen, haben wir für den didaktischen Aufbau der Lernlandschaften den PDCA-Zyklus als Referenzmodell herangezogen. PDCA meint “Plan-Do-Check-Act” und ist einer der wesentlichen Bausteine kontinuierlicher Verbesserungsprozesse in modernen Management-Modellen. Das Denken und Handeln im PDCA-Modell basiert im Wesentlichen auf einer genauen Analyse der Ausgangssituation im Hinblick auf das zu erreichende Ziel.

 

„to plan“

Übertragen auf das Unterrichtsmaterial “Lernlandschaften” und die Anforderung “Differenzierung” steht “Plan” für den Eingangstest. Dabei entspricht der Eingangstest zu 100 % dem Abschlusstest, also dem zu erreichenden Lernziel der Lernlandschaft. Die Ergebnisse aus dem Eingangstest sind vergleichbar mit einer Lernstandserhebung und dienen in erster Linie der Einordnung der Kinder in differenzierte Einstiegsbereiche in die Lernlandschaft (vom leichten zum schweren). So werden Über- und Unterforderung vermieden.

Die Kinder absolvieren diesen Test völlig zwanglos, denn sie wissen, hier werden Aufgaben gestellt, die sie am Ende ihrer Wanderung durch die Lernlandschaft tatsächlich werden lösen können. Das ist nicht beängstigend, sondern es macht stolz. Diejenigen Kinder, die schon jetzt einige Aufgaben lösen können (und davon gibt es immer welche) sind es schon jetzt und dürfen nach Absprache mit der Lehrkraft den ein oder anderen Lernbereich überspringen. Jeder dieser Lernbereiche ist in sich noch einmal in zwei Schwierigkeitsstufen differenziert. Der Eingangstest ermöglicht es der Lehrkraft, jedem Kind seinen individuellen Lernplan zu erstellen. Per Kreuzchen.

„to do“

Dieser Schritt entspricht im PDCA-Modell dem Punkt „Do“. Es geht also in die Arbeit, ins Tun. Differenziert nach individuellem Lernstand und weiter individualisiert nach dem Anforderungsgrad (einfachere Aufgaben = ein Stern und schwerere Aufgaben = 2 Sterne.

Durch die didaktische Konzeption der Lernlandschaft können die Kinder somit auf 8 Leistungsgruppen verteilt werden. Jedes Kind lernt auf seinem Niveau und alle bewegen sich auf individuellen Wegen durch die Lernlandschaft. Über- und Unterforderung werden so weitgehend verhindert. Es entwickelt sich automatisch eine positive Lern- und Arbeitshaltung, denn jedes Kind wird auf seinem individuellen Niveau gefördert und gefordert. In der Praxis heißt das: Die Kinder, und zwar alle Kinder, arbeiten wie der Teufel und sammeln absolvierte Übungen in ihrem Wanderpass, der zu Beginn der Lerneinheit gemeinsam im Klassenverband erstellt wurde. In diesem notieren die Kinder jede abgeschlossene oder durchwanderte Lerneinheit. Und das mit Stolz, denn Ihr Fortschritt findet weitere Anerkennung durch parallele Notation auf einer gesonderten Tabelle am Tisch der Lehrkraft.

„to do“ – motivierende Aufgabenformate

Oben schrieb ich „die Kinder arbeiten wie der Teufel“ und das liegt nicht nur an der Sammelleidenschaft die stolz im Wanderpass in der Hosentasche herumgetragen und dokumentiert wird, sondern auch am Rechnen über kindgerechte Formate zum Anfassen.

Jedes Format ist Bestandteil eines jeden einzelnen Trainingscamps, und zwar sowohl für 1 Stern als auch für 2 Stern Anforderungen. Demnach gibt es in den vier Trainingscamps jeweils 5 Aufgabenformen a 2 Anforderungsstufen. Die gesamte Lernlandschaft untergliedert sich demnach in 40 Segmente. Ein Segment enthält dabei bis zu 20 Rechenaufgaben. Insgesamt enthält die gesamte Lernlandschaft über 600 Rechenaufgaben zur Addition und Subtraktion im Hunderterraum. Die will kein Kind in Päckchen rechnen…

Die für diese Lernlandschaft gewählten Aufgabenformate kommen in jedem Lernbereich zum Einsatz, denn gemäß der Forderung nach “Spiralität” sollen sich die Kinder nicht lange mit der Erfassung und Beherrschung von Aufgabentypen beschäftigen, sondern intensiv an der Lernhaltung und dem Lernfortschritt arbeiten. Eine kurze Einführung zur Handhabung der Formate bei der Vorstellung der Lernlandschaft genügt.

Im Trainingscamp “Addition und Subtraktion im Hunderterraum” kommen folgende Formate zum Einsatz.

Bandolinos

 

 

 

 

Bandolinos sind vielen Kindern geläufig und allgemein sehr beliebt.

Die Kinder ziehen einen Faden zur Aufgabe 1, errechnen diese, suchen auf der rechten Seite das Ergebnis und führen den Faden von hinten nach vorne durch den entsprechenden Schlitz. Über die Vorderseite der Karte führen die Kinder den Faden nun zur Aufgabe 2. Sind alle Aufgaben errechnet, kann das Bandolino gewendet werden. Entspricht der Fadenverlauf auf der Rückseite den Lösungslinien, ist die Karte mit Erfolg bearbeitet worden.

Die Kinder bearbeiten pro Lerneinheit vier Karten.  Zwei Karten bestehen aus reinen Plusaufgaben, die anderen zwei Karten bestehen aus reinen Minusaufgaben.

Kinder lieben Puzzles, denn es ist immer wieder faszinierend, ein Bild im Entstehen zu beobachten. Die Puzzles lassen sich doppelseitig ausdrucken und sind schnell hergestellt.

Pro Puzzle finden die Kinder 20 Aufgabenkärtchen. Sie rechnen die Aufgaben auf den Kärtchen und legen das Kärtchen mit der Rückseite nach oben auf das passende Ergebnisfeld.

Zu jedem Trainingscamp gibt es ein Plus- und ein Minuspuzzle, wahlweise mit Sternchen- oder Doppelsternchenaufgaben. Das Rechnen mit Platzhaltern setzt eine solide Kenntnis von Tausch- und Umkehraufgaben voraus und trainiert das flexible Denken der Kinder. Es steht ihnen frei, ob sie zwei oder vier Puzzles bearbeiten möchten.

 

Eine Zahlmauer ist so aufgebaut, dass auf je zwei benachbarte Steine einer Schicht Decksteine gesetzt werden, in welche die Summe der beiden unteren Steine eingetragen wird.

Die Zahlmauern sind schnell hergestellt. Doppelseitig ausgedruckt und laminiert sind sie ein immer wieder einsetzbares Lernformat.

Zahlmauern verdeutlichen logisch nachvollziehbar die enge Wechselbeziehung von Additions- und Subtraktionsaufgaben, denn jede Additionsaufgabe hat ihre Umkehraufgabe, die entsprechende Subtraktionsaufgabe.

In der einfachen Sternchenvariante berechnen die Kinder acht Zahlmauern von unten nach oben.

In der Doppesternchenvariante berechnen die Kinder acht Zahlmauern mit verstreuten Startzahlen. Dabei wird die enge Wechselbeziehung zwischen Aufgaben und Umkehraufgaben in besonderem Maße deutlich.

Auf einer Grundplatte legen die Kinder Aufgabenfamilien ab. Die farbigen Punkte sowie die farbige Hintergrundgestaltung auf der Gr

Rechenschieber

Zu jeder Lerneinheit finden die Kinder 8 Rechenstreifen in der Sternchenvariante und 8 Rechenstreifen in der Doppelsternchenvariante vor. Die Streifen werden von hinten nach vorne durch einen Rechenschieber geschoben.

Es erscheint eine Aufgabe, welche im Kopf errechnet wird. Ist die Aufgabe gelöst, wird der Streifen langsam weiter nach oben geschoben. Ob richtig gerechnet wurde, zeigt die nun erscheinende Lösungszahl.

Es steht den Kindern frei, welche Sternchenvariante sie wählen. Natürlich können auch alle sechzehn Schieber berechnet werden

Die Kinder wickeln, puzzeln, schieben und wenden sich durch den Unterrichtsstoff und erhalten durch die allen Materialien immanente Selbstkontrolle zeitnah positives Feedback. Erstellt werden diese Materialien im Idealfall an einem Eltern-Bastel-Nachmittag und finanziert durch die Klassenkasse. So entsteht mit der Zeit eine Materialsammlung, die immer wieder genutzt werden kann. Das schont den Geldbeutel und die Umwelt.

Individualisiertes Lernen auch zu Hause

Ein weiteres Merkmal der Differenzierung des Unterrichtsmaterials innerhalb der Lernlandschaft bilden die Hausaufgaben. Auch diese sind nicht für jedes Kind dieselben, sondern für jede Lerneinheit gibt es spezifische Hausaufgaben. Sie bestehen aus kopierten Hausaufgabenstreifen, bestehend aus 15 Aufgaben bzw. in der Doppensternchenvariante bestehend aus 15 Platzhalteraufgaben. Diese werden zu Hause gelöst und sauber in das Rechenheft übertragen. Am Folgetag kontrollieren die Kinder ihre Lösungen mit den Lösungsblättern. Diese können an einer Leine aufgehängt werden, damit die Kinder auch zu Mehreren Platz für die Selbstkontrolle finden.

„to check“

Der Aufbau der Lerninhalte ermöglicht es den Kindern, sich von den leichten hin zu den schwierigen Aufgaben durchzuarbeiten oder in unterschiedlichen Lerneinheiten nur spezifische Aufgaben einer Anforderungsstufe zu bewältigen. (Inklusion). Die Entscheidung, was für das Kind gut und förderlich ist, entscheidet die Lehrkraft im Dialog mit jedem Kind. Und dafür hat sie die Zeit, denn täglich tragen sich neue Helferkinder in der Tabelle „hier bin ich fertig, ich kann dir helfen“ ein.

Sobald ein Kind eine Übung beendet hat, kommt es mit dem Material und seinem Wanderpass zur Lehrkraft. Die Lehrkraft hat Zeit für jedes Kind und kann bei jedem Zusammenkommen überprüfen, inwieweit der Lernstoff sitzt. Sie kann vertiefen, beraten und unterstützen. Kann das Kind mit seiner Leistung überzeugen, findet es Lob und Bestätigung. Das Kind markiert seine absolvierte Übung im Wanderpass und die Lehrkraft verzeichnet die absolvierte Übung in einer Übersichtstabelle. So hat sie über Wochen zu jeder Zeit den Überblick, auf welchem Level ihre Kinder wann arbeiten und wie sie vorankommen.

Am Ende einer jeden Lerneinheit steht eine Lernstandserhebung, bestehend aus einem kurzen Zwischentest. Jedes Kind absolviert ihn, wenn es davon überzeugt ist, ihn erfolgreich zu bestehen. Die Zwischentests werden nicht im Klassenverband geschrieben, sondern am Tisch der Lehrkraft. Im PDCA-Modell entspricht das dem Schritt „Check“. Hier wird geschaut, ob das einzelne Kind bereit ist, auf das nächsthöhere Level bzw. in den nächsten Bereich der Lernlandschaft zu wechseln. Kleine Mogler in offenen Unterrichtssituationen haben spätestens hier keine Chance mehr. Der Test bringt ans Licht, ob tatsächlich gearbeitet und gelernt wurde.

„to act“ 

Abgeschlossen wird die Wanderung durch die Lernlandschaft mit einem für alle Kinder gleichen Abschlusstest, der, wie bereits beschrieben, dem Eingangstest zu 100 % entspricht. Er wird im Klassenverband geschrieben und ist in der Regel der Test, der auch in den anderen Klassen geschrieben wird, denn viele Schulen legen Wert auf Vergleichbarkeit und Transparenz in den Klassenstufen. Entsprechend unseres Modells ist dies der Schritt „Act“.

Die abschließende Lernstandserhebung ist in Kombination mit der vorangegangenen Lehr- und Lerntransparenz viel mehr als der Spiegel der am Tag des Tests erbrachten Klassenleistung. In Kombination mit der Übersichtstabelle lässt sich auch bei langsamen Lernern der Lernfortschritt messen und entsprechend würdigen. Auch Kindern, die einen Bereich mehrmals durchlaufen mussten, um ihn zu festigen gebührt Lob und Anerkennung für Ihre Arbeit. Sie mögen das höchste Level trotz zusätzlicher Lernzeit im Förderunterricht nicht erreicht haben, doch weiß die Lehrkraft ganz genau, wo diese Kinder am Tag des Tests stehen und können den weiteren Förderbedarf individuell auf diese Kinder anpassen.

Ein paar letzte Worte- Erfahrungen

Dadurch,

  • dass die Kinder auf ihrem individuellen Niveau optimal gefordert und gefördert werden,
  • dass das Material durch die integrierte Selbst- und Partnerkontrolle stetig positive Rückmeldungen liefert und somit die Lernfreude durch Lernerfolge bestärkt,
  • dass die Sammelleidenschaft durch den Wanderpass jedes Kind stark motiviert,
  • dass der Fleiß eines jeden Kindes unabhängig vom absolvierten Schwierigkeitsgrad der erbrachten Leistung auf der Gesamttabelle visualisiert wird,
  • dass die Leistungsbereitschaft stetig wächst, weil freudvoll gelernt wird.

sind alle Kinder – wirklich alle Kinder – auch die, die bislang lieber im Vorhang hingen und Tarzan spielten, freudvoll tätig. Insbesondere langsamere Lerner blühen auf, wenn sie auf der Gesamtliste sehen, dass sie die meisten erledigten Trainingseinheiten aufweisen. Was könnte es positiveres Feedback für diese Kinder geben?

Starke Lerner erleben sich auf Wunsch als Unterstützer und Helferkinder. Sie finden jedoch auch Zeit für individuelle Forderangebote, welche die Wanderung durch die Landschaft jederzeit ergänzen können.

Die Lehrkraft gewinnt über Wochen zunehmend freie Zeiträume, um sich einzelnen Kindern zu widmen. Zeit die sie für ihre Funktion als Lernbegleiter in immer heterogener zusammen-gesetzten Klassen dringend benötigt, um allen Kindern gerecht zu werden.

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