Im Fokus erschien nunmehr ein Artikel über die „Verfassungsmäßigkeit“ von Kopfnoten. Demnach wären Kopfnoten vefassungskonform, wenn diese mündlich geäußert werden, bei Eintrag in das Zeugnis sieht dies anders aus.

Ich möchte das Thema in meinem Artikel einmal von einer anderen Perspektive aus betrachten und zwar aus der Perspektive, was Kopfnoten bringen könnten, wenn Sie denn richtig eingesetzt würden.

Vorab, in den Siebzigern gehörte ich zu jenen, die nicht Lehrers Liebling waren und eine Beton-Fünf in „Betragen“, „Ordnung“ und „Aufmerksamkeit“ hatten.

Die heutigen Kopfnoten sind unterteilt in die zwei Blöcke „Arbeitsverhalten“ und „Sozialverhalten“. Unter Arbeitsverhalten fallen Kriterien, wie Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Sorgfalt und Selbstständigkeit. Unter Sozialverhalten fallen die Kriterien „Verantwortungsbereitschaft“, „Konfliktverhalten“ und „Kooperationsfähigkeit“. Dann gibt es je nach Duktus für jedes Kriterium noch zahlreiche mögliche Messpunkte.

Wenn ich persönlich nunmehr über alle Messpunkte die volle Punktzahl erhielte, wäre ich bezogen auf mein Konfliktverhalten ein Mensch, der sich an die Regeln hält, sich mit anderen Meinungen sachlich auseinander setzt, keinen wegen seiner Meinung verteufelt oder anprangert, die Individualität anderer anerkennt und bereit ist, für das gemeinsame Ziel auch mal zurückzutreten. Dabei würde ich meine Motivation beibehalten und engagiert mitarbeiten. Ich würde konzentriert bleiben, auch ungeliebte Arbeiten verantwortungsbewusst übernehmen und sämtliche Zusagen einhalten. Ich wäre in der Lage, kritisch meine Arbeitsleistung und –haltung zu reflektieren, die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen, zu Lernen und Gelerntes mit anderen zu teilen oder an diese weiterzugeben.

Mal ehrlich, wer würde mich nicht gerne als Kollegen haben?

Sämtliche oben angeführten Eigenschaften oder Potentiale sind m.E. sowohl für den Einzelnen als auch für die Gruppe, die Familie oder das Unternehmen von unschätzbarem Wert. Soweit so gut.

Ich habe allerdings auch von Messpunkten gesprochen und zwar mit voller Absicht. Als Berater habe ich es häufig mit Steuer- und Regelkreisen zu tun – nicht im technischen, sondern im organisatorischen Bereich. Und hier gilt, ich kann nur messen, was umsetzbar, bzw. eben da ist.

Ein einfaches Bild. Die Leistung einer Bierflaschenabfüllstation kann man in Stück oder Liter messen, in diesem Zusammenhang cm, km oder Tonnen als Messgröße zu nutzen, käme keinem vernunftbegabten Menschen in den Sinn.

Übertragen auf die Schule bedeutet dies, dass Lehrer nur das messen können, was sie ihrer Klasse auch vorleben und vermitteln können. Wenn Sozialverhalten gemessen werden soll, bedarf es notwendiger Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, in denen sich soziales Verhalten lernen und leben lässt. Es bedarf kleinerer Lerngruppen und größerer Zeitfenster um Probleme aufzuarbeiten. Wie sollen Lehrer die Konfliktfähigkeit ihrer Kinder schulen oder die Verantwortungsbereitschaft der Schüler messen, wenn sie im 45-Minuten Rhythmus von Klasse zu Klasse hetzen? Wie soll die Kooperationsfähigkeit beurteilt werden, wenn für Team- oder Projektarbeit keine Zeit zur Verfügung steht, weil die Stofffülle eine frontale Unterrichtsorganisation praktikabler erscheinen lässt, oder die Kollegen weder Raum noch Zeit vorfinden, um langfristig miteinander zu planen?

Kopfnoten machen theoretisch einen Sinn. Sie bieten sowohl Lehrern, Schülern als auch Eltern wichtige Hinweise auf soziale Reserven und individuelle Entwicklungspotentiale. Solange Verwaltung und insbesondere Politik aber nicht in der Lage sind, einen Unterricht zu ermöglichen, der diese Potentiale entwickelt und fördert, bleibt jede Benotung eine sinnlose Farce.

Udo Kiel

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